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Terrorismus und Kriegsfolgen

Kernkraftwerke können ein potentielles Ziel für Terroristen sein oder sie können in einem Krieg zur Zielscheibe eines Angriffs werden. Spätestens die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 haben gezeigt, dass Angriffe von einer solchen Dimension heute möglich sind. Fazit: Da ein Kernkraftwerk auch von Außen angegriffen werden kann, erhöht sich sein Sicherheitsrisiko und macht dieses zudem unberechenbar.

Es hat in der Vergangenheit bereits reale Fälle gegeben, in denen Kriminelle oder Terroristen Kernkraftwerke bedroht haben. So liegen diesbezügliche Berichte beispielsweise aus Argentinien, Russland, Litauen, Südafrika, Südkorea, den USA und Frankreich vor (vgl. Kelle 2001). Dabei handelte es sich um eine breite Palette von Ereignissen, die von Sabotageversuchen durch unzufriedene Mitarbeiter über die Androhung von Bombenanschlägen bis hin zu Selbstmorddrohungen von Flugzeugentführern reichten. Dies war beispielsweise im November 1972 der Fall, als drei Entführer damit drohten, ein Flugzeug in Oak Ridge, USA, in eine Nuklearforschungsanlage zu stürzen. Sicherheitsexperten haben daher auch schon früh auf die Risiken hingewiesen, die Angriffe von Außen mit sich bringen. Es hat sogar schon militärische Angriffe von Staaten auf Nuklearanlagen anderer Länder gegeben, die allerdings zum Glück noch im Bau waren.

Die Anschläge vom 11. September 2001 sowie weitere terroristische Ereignisse in der Folgezeit (London, Madrid, Sauerland etc.) haben in jüngerer Zeit dazu geführt, dass Sicherheitsexperten die spezifische Bedrohungslage auch in der Bundesrepublik Deutschland verändert betrachten. Bislang als eher unwahrscheinlich betrachtete terroristische Szenarien stehen vor diesem Hintergrund neu in der Diskussion. Hierzu zählt insbesondere auch der gezielte Absturz eines großen Verkehrsflugzeugs auf ein Kernkraftwerk.

Ein Absturz eines großen Flugzeugs hätte katastrophale Folgen insbesondere für ältere Kernkraftwerke.

Als die ältesten heute noch in Deutschland betriebenen Kernkraftwerke geplant wurden, gehörte ein besonderer Schutz gegen einen unfallbedingten Flugzeugabsturz noch nicht in den Anforderungskatalog. Dies gilt auch für den größten Teil der heute international betriebenen Kernkraftwerke. Erst später berücksichtigten die Planungen in Deutschland den unfallbedingten Absturz auf ein Kraftwerk - unter anderem deshalb, weil eine größere Anzahl von Militärmaschinen des Typs Starfighter verunglückte. Doch auch hier legten die Planer nicht den gezielten Absturz eines großen Verkehrsflugzeugs zugrunde. Es macht jedoch in verschiedener Hinsicht einen Unterschied für das Kernkraftwerk, ob es gegen den Absturz eines schnell fliegenden Militärflugzeugs oder eines zivilen Großflugzeugs geschützt werden soll.

Bei den ältesten Kernkraftwerken ist es möglich, dass das Reaktorgebäude bei einem Absturz großflächig zerstört wird. Auch neuere deutsche Anlagen sind nicht für alle möglichen Szenarien optimal geschützt. Welche Folgen ein Absturz auf einen Reaktor hätte, hängt von den konkreten Randbedingungen ab wie beispielsweise dem tatsächlichen Zerstörungsumfang in der Anlage, aber auch den vorliegenden Wetterbedingungen (Windstärke, Niederschlag etc.). Untersuchungen zeigen, dass bei einer Zerstörung Teile der Bevölkerung auch in sehr weit von der betroffenen Anlage entfernt gelegenen Gebieten noch evakuiert oder langfristig umgesiedelt werden müssten. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen eines solchen Ereignisses wären katastrophal.

Wie groß die Gefahr eines Angriffs auf nukleare Anlagen ist, hängt dabei von vielen Einflüssen ab, die weitgehend unberechenbar bleiben. Während noch in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik die Gefahren kriegerischer Auseinandersetzungen in der sicherheitspolitischen Diskussion eine Rolle spielten, betrachten die Experten heute eher die Bedrohung durch internationale Terroristen als entscheidend. Bereits hieran wird deutlich, dass sich die politischen und gesellschaftlichen Randbedingungen selbst in relativ stabilen Staaten über die Lebensdauer eines Kernkraftwerks grundlegend ändern können.

Dies kann sich in Ländern, die heute über einen Einstieg in die Kernenergie nachdenken, nochmals extremer darstellen. So erfüllen manche Nationalstaaten bereits heute ihre originären Sicherheitsaufgaben nicht mehr in ausreichendem Maße (so genannte schwache oder fragile Staaten). Zu diesen Aufgaben gehört insbesondere, dass der Staat das Gewaltmonopol wahren, die sozioökonomischen Faktoren wie Infrastruktur oder Bildung sichern und rechtsstaatliche Institutionen aufrecht erhalten muss. Würden in fragilen Staaten Kernkraftwerke betrieben, so könnten die Konsequenzen, die der Zerfall staatlicher Ordnungsfunktionen auf die Sicherheit von Kernkraftwerken hat, vielfältig sein. Sie könnten von einem schlechten technischen Sicherheitsniveau bis hin zu einer mangelhaften Aufsicht über die Kernkraftwerke reichen. Schließlich drohen bei einem Verlust des Gewaltmonopols innerstaatliche oder gar kriegerische Auseinandersetzungen, was wiederum potentiell gefährlich für die Anlagen ist.

Mögliche Folgen für die Sicherheit der Kernkraftwerke lassen sich aus Sicht des Öko-Instituts daher oft nicht vorhersehen.


Literatur:

Christoph Pistner, Christian Küppers: Analyse des Bedrohungspotenzials „gezielter Flugzeugabsturz“ am Beispiel der Anlage Biblis-A. Im Auftrag der EUROSOLAR, Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien e.V., Dr. Hermann Scheer, MdB. Darmstadt, 20.11.2007.

Alexander Kelle, Annette Schaper: Bio- und Nuklearterrorismus. Eine kritische Analyse der Risiken nach dem 11. September 2001. HSFK-Report 10/2001.

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