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Wirtschaftliche Risiken

Ein Kernkraftwerk muss über Jahrzehnte stabil laufen, damit es das eingesetzte Kapital und die erhoffte Rendite erwirtschaftet. Das Kapital unterliegt in dieser Zeit erheblichen Risiken. Hinzu kommt, dass Planer und Betreiber die Kosten für einen Neubau oft zu gering schätzen. Große Unsicherheiten bestehen außerdem, welche Laufzeit und welche Auslastung ein neues Kernkraftwerk überhaupt erreichen kann. Es gibt daher derzeit keinen Neubau, der ohne staatliche Hilfe auskommt. Die Liberalisierung der Strommärkte sorgt in Kombination mit dem weltweiten Ausbau der erneuerbaren Energien dafür, dass Großkraftwerke zukünftig eine immer geringere Rolle spielen werden. Somit ist der wirtschaftliche Betrieb neuer Kernkraftwerke nicht sichergestellt. Fazit: Angesichts der großen ökonomischen Risiken ist eine Renaissance der Kernenergie aus wirtschaftlicher Sicht nicht zu erwarten.

Wenn ein neues Kernkraftwerk gebaut wird, lassen sich die ursprünglichen Kosten-schätzungen oft nicht einhalten. Prominentes Beispiel hierfür ist der finnische Kraft-werksneubau Olkiluoto-3.

Im Januar 2002 befürwortete der finnische Ministerrat nach langer Debatte grundsätz-lich, dass ein fünftes Kernkraftwerk in Finnland mit einer Kapazität von bis zu 1.600 Megawatt elektrischer Leistung (MWel) errichtet wird. Die Baukosten bezifferten die Planer seinerzeit mit einem Höchstwert von 2,5 Milliarden Euro.

Im Januar 2004 schlossen die finnische Betreibergesellschaft TVO und der französische Anbieter AREVA NP einen Vertrag, um das Kernkraftwerk vom Typ EPR zu bauen. Mit Vertragsabschluss vereinbarten die beiden Parteien eine feste Kaufsumme für das schlüsselfertige Kraftwerk von 3,2 Milliarden Euro.

Baubeginn des Reaktors war im August 2005. Schon Ende 2008 lagen die Bauarbeiten weit hinter dem Zeitplan zurück. Die ursprünglich für Mitte 2009 vorgesehene Inbetriebnahme wird aktuell erst in der zweiten Jahreshälfte 2013 erwartet. Das sind vier Jahre Verzug. Neben den zeitlichen Verzögerungen schätzen Experten die Baukosten mittlerweile auf 5,3 Milliarden Euro, also etwa 2,1 Milliarden Euro über dem vertraglich vereinbarten Festpreis. Dabei handelt es sich um die anbieterseitigen Kosten für Planung, Beschaffung und Bau des Kraftwerks. Die zusätzlichen Kosten des späteren Betreibers (owner’s cost’s) sind darin nicht enthalten. Hierzu gibt es keine offiziellen Angaben.

Die Erfahrungen beim Bau von Olkiluoto-3 beeinflussen auch die Kostenangaben für den zweiten EPR-Reaktor, der im französischen Flamanville im Bau ist. Die Kosten werden hier mittlerweile mit fünf Milliarden Euro anstelle der ursprünglich geplanten 3,3 Milliarden Euro geschätzt. Für einen weiteren geplanten EPR am Standort Penly, dessen Baubeginn für 2012 vorgesehen ist, liegen die geschätzten Baukosten mittlerweile ebenfalls bei fünf Milliarden Euro anstellte der ursprünglich geplanten drei Milliarden Euro. Aktuell schätzen Experten, dass bei Kernkraftwerken des Typs EPR die allgemeinen Baukosten zwischen fünf und sechs Milliarden Euro liegen.

Zusätzlich zu den gestiegenen Baukosten entsteht dem zukünftigen Betreiber TVO in Finnland aufgrund der deutlich verzögerten Inbetriebnahme nach eigenen Angaben ein erheblicher Schaden, der zuletzt mit einem Streitwert von etwa 2,4 Milliarden Euro angegeben wurde.

Die hohen Kapitalkosten für den Bau eines Reaktors werden erst nach langem Betrieb durch die Einnahmen wieder gedeckt. Typische Refinanzierungszeiträume liegen im Bereich von zwei bis drei Jahrzehnten. Jede Verzögerung beim Bau eines Kernkraftwerks, unabhängig davon, ob sie technische, organisatorische oder auch gesellschaftliche Ursachen hat, verzögert die Refinanzierung, erhöht die Kapitalkosten und verringert somit die Kapitalrendite.

Es ist daher festzuhalten, dass Kostenschätzungen für den Neubau eines Kernkraftwerks mit großer Vorsicht zu betrachten sind. Sie können derzeit, wenn überhaupt, nur eine grobe Hilfestellung sein. Einige Hersteller wollten vor diesem Hintergrund zuletzt keine Kostenschätzungen mehr abgeben.

Südafrika stoppt Neubauvorhaben wegen der hohen Kosten.

Wirtschaftliche Erwägungen können Kernkraftwerksprojekte in allen Stadien der Pla-nung und Realisierung scheitern lassen. Der Stopp des südafrikanischen Atomprogramms ist ein Beispiel dafür, dass die hohen Investitionskosten und die damit verbundenen Risiken den Neubau von Kernkraftwerken in Frage stellen können (Nucleonics Week v. 11.12.2008). Der südafrikanische Energieversorger ESKOM hat Ende 2008 die erste Stufe seines Nuklearprogramms zum Bau von insgesamt 20.000 MWel an Kernenergiekapazität auf unbestimmte Zeit verschoben. Die  bis dato vorliegenden Angebote für die ersten Neubauvorhaben seien nicht zu finanzieren, hieß es.

Auch US-amerikanische Energieversorger stellen ihre Neubauprojekte verstärkt selbst in Frage. Im Januar 2008 wurde bekannt, dass MidAmerican Nuclear Energy aus Kostengründen auf den Neubau eines geplanten Kernkraftwerks in Idaho verzichtet. Entergy Corp. hat Pläne für einen Reaktorneubau unter Verweis auf ständig steigende Kostenschätzungen des Anlagenanbieters GE Hitachi auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Exelon Corp., der derzeit größte Kernkraftwerksbetreiber in den USA, hat im Mai 2009 ein Neubauprojekt in Texas vorerst abgesagt. Grund: Das Projekt erhält keine Unterstützung aus dem Bürgschafts-Budget, das die US-Regierung aufgelegt hat (Nucleonics Week 2008 und 2009). 2010 gab das Unternehmen hierzu bekannt, der Neubau von Kernkraftwerken sei derzeit zu teuer und ein Engagement im Bereich Gas und Windkraft wirtschaftlich attraktiver. Constellation Energy hat sich 2010 trotz staatlicher Bürgschaft aus einem Neubauvorhaben in Maryland zurückgezogen, weil die von der US-Regierung geforderten Bürgschaftskosten zu hoch seien.

Kein Kernkraftwerk hat bisher eine Betriebsdauer von 60 Jahren erreicht. Die ältesten noch aktiven Kernkraftwerke haben gerade eine Laufzeit von 40 Jahren überschritten. Es gibt zudem derzeit keine belastbaren Informationen darüber, ob ein Kernkraftwerk aus Sicherheitsgründen überhaupt 60 Jahre am Netz bleiben kann (vgl. Rubrik Sicherheit). Dennoch werden bei Neubauten - wie dem des Kernkraftwerks Olkiluoto-3 - solche Betriebszeiträume den Wirtschaftlichkeitsberechnungen zugrunde gelegt.

Die Schätzungen sehen zudem eine mittlere Auslastung von 90 Prozent über die gesamte Betriebsdauer vor. Zwar können Kernkraftwerke durchaus eine derartige Auslastung erreichen, aber nach den bisherigen Betriebserfahrungen nicht über ihre gesamte Lebensdauer. Wenn die Anlage aus technischen Gründen heruntergefahren wird, verringert das die Stromausbeute und damit dauert die Refinanzierung des eingesetzten Kapitals entsprechend länger. Die modernsten deutschen Kernkraftwerke der Konvoi-Baureihe erreichten bisher über ihre gesamte Betriebsdauer Werte von 91,8 Prozent (ISAR-2, 1988-2009) bzw. 93,3 Prozent (Emsland, 1988-2009, Neckarwestheim-2, 1989-2009). Allerdings laufen sie erst seit wenig mehr als 20 Jahren. Ältere Kernkraftwerke liegen deutlich darunter. Im langjährigen Durchschnitt haben deutsche Kernkraftwerke insgesamt Auslastungen von etwa 82 Prozent erreicht. Für die Jahre 1999 bis 2009 lagen auch im weltweiten Durchschnitt die Werte nur knapp über 80 Prozent, 2009 sogar knapp darunter. Das Maximum von rund 83,8 Prozent Auslastung lag in 2002 (IAEA PRIS 2011).

Die Kalkulationsgrundlagen sind unsicher.

Eine 90-prozentige Auslastung eines Großkraftwerks stellt damit auf Basis der bisherigen Betriebserfahrung keine sichere Kalkulationsgrundlage dar. Hinzu kommt, dass sich mit dem stetig wachsenden Anteil erneuerbarer, aber zeitlich variabler Energieträger das Einspeiseverhalten fossiler oder nuklearer Großkraftwerke ändern wird. Es wird zukünftig in immer stärkerem Maße auch von dem steigenden Angebot erneuerbarer Energiequellen bestimmt. Denn der weltweite Ausbau der Energieerzeugung mit erneuerbaren Energieträgern und Kraft-Wärme-Kopplung wird die Energiesysteme nachhaltig verändern.

Um die weltweiten Klimaschutzziele zu erreichen, wird diese Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten. Deutschland gilt dabei als vorbildlich, Instrumente ähnlich dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz finden mittlerweile weltweit breite Anwendung.

Diese Entwicklung bedingt einerseits ein intelligentes und flexibles Management bei Stromerzeugung und Stromverbrauch und wird andererseits der Auslastung von Grundlastkraftwerken Grenzen setzen. Zukünftig werden immer stärker Lastfolgekraftwerke und Speichertechnologien benötigt, die flexibel und verbrauchsorientiert Strom zur Verfügung stellen. Dies wird dazu führen, dass der Bedarf an immer verfügbarer Grundlast und damit auch der Bedarf an entsprechenden Großkraftwerken zugunsten einer flexiblen Stromerzeugung zurückgehen wird.

Beim Betrieb von Reaktoren lässt sich das Risiko schwerer Unfälle auch bei modernen Anlagen und bei einer ausgeprägten Sicherheitskultur nicht gänzlich ausschließen. Dies gilt auch für die Reaktorkonzepte, die derzeit am Markt verfügbar sind. Ein schwerer Unfall würde die weitere Nutzung der Kernenergie folglich gesellschaftlich erneut in Frage stellen. Dabei spielt es erfahrungsgemäß nur eine geringe Rolle, ob sich dieser Unfall im eigenen oder in einem anderen Land ereignet. So hat beispielsweise Italien als unmittelbare Folge des Tschernobyl-Unfalls 1986 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen und die bis dato existierenden Kernkraftwerke stillgelegt. Das größte italienische Kernkraftwerk Caorso mit einer Kapazität von 860 MWel hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einmal neun Betriebsjahre hinter sich, davon lediglich sechs Jahre mit einer Verfügbarkeit von mehr als 50 Prozent.

Es bleibt daher mehr als fraglich, ob die lange Lebensdauer und hohe Auslastung, wie sie für Wirtschaftlichkeitsberechnungen neuer Kernkraftwerke angenommen werden, überhaupt realistisch sind. Entsprechend groß ist das Risiko für das eingesetzte Kapital. Privatwirtschaftliche Investitionen in den Neubau eines Kernkraftwerks bergen vor diesem Hintergrund erhebliche Risiken bei unsicheren Renditen. Die WissenschaftlerInnen im Öko-Institut rechnen deshalb damit, dass aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus keine Renaissance der Kernenergie erfolgen wird. Literatur:

Nucleonics Week, Jahrgänge 2008 und 2009

International Atomic Energy Agency (IAEA): Power Reactor Information System (PRIS) http://www.iaea.or.at/programmes/a2/, Stand Februar 2011

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