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Kapazitäten und Infrastruktur für eine Renaissance der Kernenergie

Ein weltweiter Ausbau der Kernenergie, wie er zwischenzeitlich immer wieder zur Diskussion steht, würde eine Reihe von Problemen aufwerfen. Es müssten praktisch ab sofort 30 bis 40 neue Anlagen pro Jahr in Betrieb gehen, was aber auf Seiten der Industrie zu massiven Engpässen in der Produktion führen würde. Es fehlt zudem qualifiziertes Personal, womit solche Ausbauszenarien ebenfalls ernsthaft in Frage gestellt sind. Länder, die neu in die Technologie einsteigen, müssten zusätzlich zum eigentlichen Kernkraftwerksbau noch eine geeignete Infrastruktur schaffen und Aufsichtsbehörden aufbauen. Auch das kostet Zeit und Geld. Fazit: Ein schneller Ausbau der Kernenergie lässt sich kaum realisieren, ohne die Sicherheit ernsthaft zu gefährden.

Im Zuge der Klimadiskussion fordern einige Experten, mehr Strom aus Kernkraftwerken zu erzeugen. Praktisch alle heute laufenden Anlagen werden jedoch bis zum Jahr 2050 aufgrund ihres Alters abgeschaltet sein. Wie könnten solche Ausbau-Szenarien also aussehen? Dazu einige Gedankenspiele: Um bis 2050 einen hohen Anteil der Kernenergie an der Stromversorgung von beispielsweise 1.200 Gigawatt elektrischer Leistung (GWel) zu erreichen, was etwa einer Verdreifachung der heutigen Kraftwerksleistung entspricht, müssten die hierfür erforderlichen Anlagen zwischen den Jahren 2010 und 2050 neu errichtet werden. Bei beispielsweise 1.000 Megawatt elektrischer Leistung (MWel) einer Anlage wären hierzu 1.200 Kernkraftwerke erforderlich. Dies würde einen mittleren jährlichen Neubau von 30.000 bis 40.000 MWel installierter Kraftwerksleistung bedeuten. Das entspricht der Inbetriebnahme von 30 bis 40 Reaktoren mit jeweils 1.000 MWel pro Jahr, je nach dem, ab wann tatsächlich so viele Anlagen pro Jahr gebaut werden könnten.

Dem steht gegenüber, dass während der vergangenen zehn Jahre im Mittel nur 2.700 MWel pro Jahr neu in Betrieb genommen wurden. Selbst in der Periode des stärksten weltweiten Neubaus der Kernenergie um 1980 betrug die mittlere Kapazität, die jährlich ans Netz ging, etwa 21.000 MWel. Das entspricht nur etwa der Hälfte dessen, was für einen umfassenden Ausbau bis zum Jahr 2050 erforderlich wäre.

So viele Neubau-Projekte würden zu Kapazitätsengpässen bei der bestehenden Industrie führen, die in den vergangenen 20 Jahren stark zurückgegangen und auf den heutigen weltweiten Bedarf ausgelegt wurde. Müsste sich die installierte Kraftwerksleistung aus Klimaschutzgründen verdreifachen, so wäre in relativ kurzer Zeit ein deutlicher Ausbau auf Seiten der Industrie erforderlich. Dazu gehört ebenfalls, dass der Uranbergbau ausgeweitet, zusätzliche Fabrikationsanlagen für die Brennstoffherstellung bis zur Fertigung von Reaktorkomponenten geschaffen und zusätzliches Personal ausgebildet werden müsste.

So gibt es derzeit beispielsweise nur eine stark beschränkte Kapazität, große Bauteile wie Reaktordruckbehälter zu fertigen. Dies hat zur Folge, dass einige US-Unternehmen bereits heute zentrale Bauteile in Auftrag gegeben haben, obwohl der Reaktor-Neubau noch nicht beschlossen ist. Damit wollen die Unternehmen Zeitverzögerungen und steigende Kosten vermeiden. Aufgrund der speziellen und besonders hohen Anforderungen an die Qualität, lässt sich die Produktion auch nicht beliebig schnell ausweiten. Denn Abstriche bei der Qualität könnten gefährlich werden.

Für einen massiven Ausbau der Kernenergie fehlt qualifiziertes Personal.

Probleme gibt es auch, qualifiziertes Personal anzuwerben und auszubilden. Das gilt für alle Bereiche wie beispielsweise die Planungsorganisation oder auch die Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden. Weil das Personal entsprechend geschult werden muss, haben die Planungen einen langen zeitlichen Vorlauf. Denn bei einem umfangreichen Ausbau der Kernenergie müssten zusätzliche Ausbildungseinrichtungen geschaffen werden, was wiederum Zeit und Geld kostet. Nach Einschätzung der IAEA kann dies selbst in Ländern mit einer etablierten Kerntechnik den Ausbauplänen Grenzen setzen (IAEA 2008).

Mehr als 60 Staaten, überwiegend Entwicklungsländer, haben Interesse an einem Ausbau der Kernenergie bekundet (IAEA 2009). Wer die Kernenergie nutzen möchte, muss zuvor jedoch in eine umfangreiche Infrastruktur investieren. Dazu müssten die Staaten kompetente und durchsetzungsfähige Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden aufbauen. Zudem benötigen die Länder Stromnetze, die für Anlagen mit heute üblichen Leistungsgrößen von über 1.000 MWel ausgelegt sind. Da Kernkraftwerke auch auf eine dauerhaft stabile Stromversorgung ihrer Sicherheitstechnik angewiesen sind, können ungeeignete Netzstrukturen zudem die Sicherheit einer Anlage gefährden. Der Ausbau der Netzstruktur erfordert ebenfalls einen erheblichen zeitlichen Vorlauf und sehr hohe Kosten, bevor das erste Kraftwerk gebaut werden könnte.

Es bleibt zu befürchten, dass die Staaten gerade an zentralen Punkten wie der Aufsicht sparen könnten. So erläuterte im April 2009 der Direktor der chinesischen Behörde für Nuklearsicherheit, dass die Aufsicht über die Sicherheit nicht mit dem schnellen Ausbau der Kernenergie in China Schritt halte (n-tv 2009).

Sowohl für Länder, die die Kernenergie heute schon nutzen, als auch für solche, die bislang noch über keine eigene kerntechnische Industrie verfügen, sind den ehrgeizigen Ausbauszenarien daher realistischerweise enge Grenzen gesetzt.


Literatur:

International Atomic Energy Agency (IAEA): International Status and Prospects of Nuclear Power. GOV/INF/2008/10-GC(52)/INF/6, 12 August 2008.

International Atomic Energy Agency (IAEA) (Organisator): International Ministerial Conference on Nuclear Energy in the 21st Century. Concluding Statement by the President of the Conference. Beijing, 20-22 April 2009.

N-TV: „Nicht vollständig unter Kontrolle - Pekings Nuklearchef warnt“, 21.04.2009, www.n-tv.de, Stand Juni 2009.

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