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Entwicklung des Kraftwerksparks und aktuelle Neubaupläne

Als die Kernenergie zwischen 1976 und 1982 so richtig boomte, waren weltweit über 200 Anlagen gleichzeitig im Bau. Zuletzt wurden über 15 Jahre lang nur noch etwa 40 Kernkraftwerke gleichzeitig neu errichtet. Zwar bauen mittlerweile mit Finnland und Frankreich wieder zwei westeuropäische Staaten neue Reaktoren. Dabei zeigen sich jedoch auch erhebliche Schwierigkeiten: So ist es kaum möglich, die vorgesehene Bauzeit und die ursprünglichen Kosten einzuhalten. Wer ein neues Kernkraftwerk errichtet, muss von der ersten Planung bis zum Betrieb rund zehn Jahre einkalkulieren. Dem steht ein überalterter Kraftwerkspark gegenüber, der es notwendig macht, in den nächsten 20 Jahren bis zu 360 Reaktoren abzuschalten. Selbst wenn alle Anlagen realisiert würden, die derzeit fest geplant oder bereits im Bau sind, wäre bestenfalls der Status Quo bei der Kernenergie zu halten. Fazit: Eine Renaissance im Sinne eines drastischen Ausbaus der Kernenergie zeichnet sich nicht ab.

s. Bild 03: In Bau befindliche Anlagen. (Daten: IAEA PRIS 2011), Stand Januar 2011

Nach einer Anlaufzeit in den 1950er und 1960er Jahren stieg die Zahl der Anlagen, die gleichzeitig im Bau sind, gleichmäßig auf ein Maximum von 233 Anlagen im Jahr 1979 an. Danach fiel diese Zahl wieder ab, bis sie seit 1993 bei 30 bis 40 Reaktoren lag, die gleichzeitig errichtet wurden. Erst in den letzten beiden Jahren wurde in China mit einer größeren Anzahl von Bauvorhaben begonnen. Offen bleibt hierbei vor allem, wie schnell diese Anlagen tatsächlich fertig gestellt werden können.

In den vergangenen fünf Jahren wurden weltweit 17 Reaktoren neu in Betrieb genommen (fünfzehn davon in Asien, zwei in Osteuropa) während 15 Reaktoren endgültig vom Netz gingen.

Derzeit befinden sich 65 Anlagen im Bau, davon 29 Anlagen alleine in China (inklusive zwei Anlagen in Taiwan), 42 Anlagen in Asien insgesamt (siehe Abbildung 03). Elf dieser 65 Projekte werden bereits seit den 1980er Jahren oder länger in den Statistiken als Bauvorhaben geführt (siehe Abbildung 04). Ob und wann diese jemals fertig gestellt werden, bleibt fraglich. 47 der weltweiten Neubauvorhaben wurden in den letzten fünf Jahren begonnen, im Wesentlichen in Asien sowie eine Anlage in Frankreich. In den USA, dem Land mit den meisten Kernkraftwerken weltweit, ist laut IAEA zurzeit ebenfalls ein einziger Reaktor im Bau. Dort nahm der Eigentümer im Jahr 2007 die Bauarbeiten wieder auf — 35 Jahre nach dem offiziellen Baubeginn im Dezember 1972. Auch einige osteuropäische Länder diskutieren darüber, Bauvorhaben aus den vergangenen Jahrzehnten nun fertig zu stellen. Iran ist zurzeit das einzige Land, das bislang noch keine Kernenergie nutzt und einen Reaktor im Bau hat.

s. Bild 04: Bisherige Dauer der aktuellen Bauvorhaben. (Daten: IAEA PRIS 2011), Stand Januar 2011

Erstmals seit 1991 bauen mit Finnland und Frankreich derzeit zwei westeuropäische Staaten neue Anlagen. Diese sind vom Typ Europäischer Druckwasserreaktor (EPR). Der EPR ist auf der technischen Basis französischer und deutscher Reaktoren aus den 1980er Jahren entstanden. Jedoch zeigt sich hier, dass selbst mit dem Bau eines nur begrenzt neuen Reaktortyps enorme Schwierigkeiten verbunden sind.

So hat Finnland zwar nach langer Diskussion im Parlament den Beschluss zum Neubau gefällt, das finanzielle Risiko konnte jedoch nur durch ein breites Betreiberkonsortium unter Beteiligung verschiedener Industriesparten des Landes getragen werden. Bei Vertragsabschluss im Januar 2004 war zwischen dem Anbieter AREVA und dem Betreiberkonsortium ein Festpreis von 3,2 Milliarden Euro vertraglich vereinbart, mittlerweile wird geschätzt, dass die festgelegten Kosten um rund 65 Prozent überschritten werden.

Baubeginn des Reaktors war im August 2005, ans Netz gehen sollte das Kraftwerk laut Zusage von AREVA im Mai 2009. Doch Anpassungsbedarf der ursprünglichen Planun-gen an Sicherheitsanforderungen sowie Probleme beim Bau und der Qualitätssicherung führten zu erheblichem Verzug. Bereits im Jahr 2006 verschob sich der Termin auf den Jahreswechsel 2010/2011, mittlerweile rechnen Experten nicht vor 2013 mit der Fertigstellung. Damit läge die reine Bauzeit bei über 90 Monaten.

Wie lange ein Kraftwerksprojekt dauert, variiert sehr stark. Belastbare Daten gibt es in der Regel nur zu den reinen Bauzeiten. Die durchschnittliche Bauzeit der seit 2000 in Asien ans Netz gegangenen Anlagen betrug 57 Monate. Nur bei drei Anlagen, die  weltweit seit 2000 fertig gestellt wurden, betrug die Bauzeit 50 Monate oder weniger, bei sieben Anlagen dagegen sogar über 200 Monate. Bei den zuletzt in Deutschland errichteten Anlagen betrug die Bauzeit knapp 70 Monate. Hinzu kommt, dass Planungen im Vorfeld wie politische Entscheidungen, Standortwahl, technische Konzeptentwicklung, Finanzierung, Genehmigungsverfahren viel Zeit kosten, dies aber von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein kann. Von der ersten Planung bis zum Betrieb eines neuen Kernkraftwerks vergehen daher typischerweise zehn Jahre oder mehr.

Oftmals diskutieren Länder den Ausbau der Kernenergie lediglich als unverbindliche politische Absichtserklärungen, erst in wenigen Staaten existieren konkrete Pläne. Dazu gehört China, das nach Angaben der Zeitschrift atw (atw 2009) im Rahmen seines 11. Fünfjahresplans vorsieht, insgesamt 30 Kernkraftwerke zu bauen. In Südkorea sollen nach Regierungsplänen weitere zehn Anlagen bis 2030 errichtet werden, von denen zwei bereits konkret beantragt sind. Auch in Finnland sind weitere zwei und in der Schweiz drei Anlagen beantragt. Russland möchte ab 2012 pro Jahr einen Reaktor in Betrieb nehmen, insgesamt sind dort 26 Kernkraftwerke geplant.

Weltweit gehen in den nächsten 20 Jahren bis zu 340 Anlagen vom Netz.

Nachdem die US-Regierung unter Präsident Bush eine intensive staatliche Förderung eingeführt hat, diskutieren auch die USA wieder verstärkt über den Neubau von Kernkraftwerken. Zu den Fördermaßnahmen gehören: Steuererleichterungen für die ersten Anlagen, die neu in Betrieb kommen, eine staatliche Absicherung falls die Reaktoren aufgrund von Genehmigungsproblemen verspätet ans Netz gehen, Kreditzusagen bis zu einer Höhe von 80 Prozent der Kosten und eine begrenzte Versicherungspflicht von Unfallrisiken. Angestoßen durch diese staatliche Förderung liegen bei den Behörden mittlerweile Anträge für bis zu 26 Kernkraftwerke vor. Konkrete Bauentscheidungen sind damit jedoch noch nicht getroffen. So wird in den USA lediglich die grundsätzliche Frage geklärt, ob ein bestimmter Reaktortyp an einem konkreten Standort aus Sicht der Genehmigungsbehörde gebaut werden dürfte.

Weltweit sind nach Angaben der Zeitschrift atw (atw 2010) 80 Anlagen in konkreter Planung, weitere 130 befinden sich in insgesamt 27 Ländern in der Vorbereitung.

Da weltweit in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten voraussichtlich 150 bis 360 Anlagen vom Netz gehen werden, wird die Zahl der laufenden Kraftwerke abnehmen oder höchstens konstant bleiben. Das trifft selbst dann zu, wenn alle heute geplanten Vorhaben wirklich realisiert werden. Nur wenn sich die Betriebsdauer der heute laufenden Anlagen auf mehr als 50 Jahre verlängert, so dass im nächsten Jahrzehnt noch keine Anlage abgeschaltet werden müsste, könnten mehr Kernkraftwerke in Betrieb kommen, als abgeschaltet werden.


Literatur:

International Atomic Energy Agency (IAEA): Power Reactor Information System (PRIS). www.iaea.or.at/programmes/a2, Stand Januar 2011.

International Atomic Energy Agency (IAEA): International Status and Prospects of Nuclear Power. GOV/INF/2008/10-GC(52)/INF/6, 12 August 2008.

atw Schnellstatistik Kernkraftwerke 2008. atw, 54. Jg., Heft 1, Januar 2009.

atw - Internationale Zeitschrift für Kernenergie: Kernenergie Weltreport 2009. April 2010.

Nucleonics Week, Jahrgänge 2008 bis 2010.

 

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